Rebekka Schulte
Rede zur Ausstellung „geteilter Raum“,
Wilhelm Morgner Museum 2023
„Die Kleidungsstücke, mit denen sie ihren Körper bedeckt, sind oft zerrissen oder zerlöchert, aber in einer Art, als sei diese Zerrissenheit nur dazu da, die Vollkommenheit ihres Körpers desto deutlicher zum Vorschein zu bringen…“
Jenny Erpenbeck in Atropa bella-donna
Zugrunde liegt ein Prozess des beständigen Tuns und Schaffen. Anfertigen. Hüllen formen.
Mit den Händen in der Masse rühren, be-rühren, tief eingetaucht, so gleitet es ihr durch die Hände. Konzentriert ist sie. Sinnlich gerührt. Die Fasern im Nass zergehend. Jede Sekunde fordert ihr, im selbstvergessenen Tun voller Präsenz, etwas ab. Zäh. Ziehend. Faszinierend
Ihr Körper wird hier zum Teil dessen, was sie später mit dem Betrachter teilen wird. Sicher handelnd im Wissen um das Soll der Beschaffenheit. Exakt in dem Moment der Verarbeitung, damit ein Halten erfolgen kann.
Es riecht zum Glück schön, sagt sie. Wieder und wieder ein Formen. Ein Abformen.
Ein Gewirke ist das. Meisterhaft. So tat es schon die Großmutter und ähnlich in der Anmutung: Rebecca Horn.
Linien, Meter an Meter, die sich mit Zeit im Raum als Körper abbilden, die umsponnen und umwoben werden. Händisch wurde die Zeit ausgekostet. Die Zeit ist ihr durch die Finger geglitten. Das werden sie spüren.
Selbstversunken, eindrucksvoll im Erinnern und erzählt von dem, was gewesen ist. Wie das Unbegreifliche greifbar machen und wie dann das Unsagbare abbilden? Wie an etwas festhalten, was war und nicht mehr ist? Wie schützen, was einem so kostbar erscheint?
Formen und Figuren, die in ihrer Hülle, eine Fülle und ein Gewesen erahnen lassen, denn das Dazwischen wird zum Thema.
Alles was wir sehen ist ein Verweis auf das, was wir nicht sehen. Können oder werden. Für die Abwesenheit von der alle wissen. Das Innwendige ist fort. Das dazwischen zum Thema.
Dann:
die Arbeit im jeweiligen Raum. Hier. Jetzt.
Hier fügt sie zusammen, was entstanden ist. Bezugnehmend genau, bedacht und wohl überlegt. Ein Hadern, ein Denken. Ein Agieren, ein Re-Agieren.
Mühsam
ein Kraftakt. Mit dem an der Hand, was so zart daher kommt.
Mitnichten. Und doch: Ein Hauch. Ein Weiß. Zart und schwebend.
Und so schweben die Dinger mit ihr im Akt durch den Raum.
Verteilen und formieren sich. Der Raum verändert sich, das ist die Chance. Das ist für uns als BetrachterInnen.
Wieder und Wieder ein Erklimmen und Absteigen. Leiter hoch und runter. Armereichen hoch, über Kopf. Wider und wider. Stunde um Stunde. Tag und Tag.
(Und ich meine schon auch das wider, wie in Widerstand)
Zeit in diesem oder jenen Raum.
Körperlich spürbar. Körperlich präsent. Sie war da und hier. Und da. Körperliche Präsenz im Raum, den sie sich genommen hat. Frei bewegt.
Das schwingt mit, beim Begehen und Betrachten.
Ist Ihnen das klar? Auch politisch?
Da wo sie schon standen, da stand sie auch. Da wo Sie schon guckten, guckte sie auch. Da, wo sie stehen werden, da stand sie auch. Und so weiter und so weiter. Geteilter Raum.
Ein zarter Kraftakt.
Die Luft kommt einem nun leiser vor in diesem Raum. Wohltuend leise. Ein kleines Plätschern, ein emsiges Knistern. Ihre Cotonagen verändern ganz fein und subtil die Akustik. Tse!
Wie wenig es doch braucht. Gewaltig.
Können Sie sich einfühlen, wie sie den Raum zum Schwingen bringen? Gehen Sie hinein. Ein Hauch. Ein Bewegen. Ein Luftzug, ein klitzekleines Eigenleben. Im Garten meiner Oma. In der Kaue. Im Keller meiner Erinnerung.
Catherine Nichols sagt in ihrem Text „das, was man Liebe nennt“ im Katalog zu Joseph Beuys:
„Denn die Vernunft neigt dazu, die schöpferische Energie zu begrenzen und Überschreitungen im Namen der sie konstituierenden Rationalität nicht
zuzulassen.“
So ähnlich beschreibt es auch Susan Sonntag in ihrem Aufsatz „Gegen Interpretation“ 1966
Deshalb sind dies mitnichten Wolken. Es ist eine große Frage, die aufgeworfen wird. Voller Sicherheit und Liebe. Ein sicherer Ort.
Einfach schön, diese nutzlosen Fragmente, die so alles sein können.
Lassen Sie sich einweben, einspinnen. Gedanklich. Körperlich. Werden sie Teil. Nehmen sie Form an. Verdammt nochmal. Nehmen Sie eine andere Form an!
Wiegen Sie sich mit. Ganz sanft. Ein Drehen und Wenden. Ein zarter Hauch. Ein Berühren. Ein Aufgehoben sein. Ein Abhängen und ein Abgeben.
Die Abwesenheit bezieht das Denken des Betrachters mit ein und da lebt es. Das, worum es hier auch geht fand an einem anderen Ort statt. Ist längstgegangen, geflogen. Untröstlich. Schön
Rebekka Schulte
Dr. Anette Werntze
Rede zur Vernissage „geteilter Raum“,
Wilhelm Morgner Museum 2023
Als 2008 BBB gemeinsam mit einer Künstlerkollegin im Kunstsaal des Kunstvereins Kreis Soest ihre Werke ausstellte, war das Thema für sie der Lebensfaden des Menschen, sein Gehalten-Sein in der Welt und – in sich selbst. Eine malerische und intellektuell inhaltliche Auseinandersetzung leitete sie sowohl ganz real in der eigenen Wahrnehmung in die sie umgebende Welt, weiter zu den sie im näheren und ferneren Umkreis umgebenden Menschen und zu der Beobachtung und das Erleben des sich ständig wandelnden Weltgeschehens, um letztlich auch die mythologischen Schriften zu erforschen.
War es schon anfangs der plastisch über ihre gemalten Bilder gelegte oder sich aus ihnen zu winden scheinende Faden, den sie webend und verwebend entwickelte, führte ihr Weg kontinuierlich aus der Gegenständlichkeit in die Abstraktion bis zur Auflösung der realen Form, in all seiner Begrenzung. Gemälde in Öl, Zeichnungen, Verarbeitung von unterschiedlichen Materialien zu Objekten und Installationen mündeten in der Entdeckung, Entwicklung, eigenen Schöpfung des Cotonagematerials. – Dies geschah vor zehn Jahren.
Skizzen, Werkmaterialien, Denktafeln, Wortlisten in freiem Rhythmus sammelt sie, pinnt sie an ihre Wand im Atelier, um neuen Ideen Nährboden zu bieten, sich in neuen Gedankenkonstrukten Raum zu schaffen.
Aus einem ersten gesponnenen Faden wurden viele, meter-, ja kilometerlange Fäden. Dabei ist das Faszinierende ihre Hartnäckigkeit: zum einen der rein technischen Umsetzung nach glücklich gefundenem und mit viel Mühe jedes Mal aufs Neue selbst hergestellten Materials. Zum anderen der Hartnäckigkeit den eingeschlagenen Weg konsequent zu gehen, unermüdlich und kompromisslos sich der Cotonage zu verschreiben, diesem Material, zu einem Gewebe versponnen, an fragile Stoffe wie auch an ägyptischen Papyrus erinnert.
Betrachtet man die einzelnen, von der Decke schwebenden Körper, scheinen sie sich aufzulösen, beschreiben nicht zu definierende Hüllen als Mantel für ein leeres Inneres, das in seiner Formenvielfalt nicht der Natur entlehnten Vorbildern abgeschaut ist. Die Künstlerin bezeichnet sie als sichere Orte – doch was ist schon sicher? Und was erlaubt Sicherheit zu vermitteln, wenn gerade durch Öffnungen frei gelassene Möglichkeiten des Durchblicks, des Einblicks in ein Inneres gewährt wird, das sich doch gleichzeitig dem betrachtenden Auge zu entziehen versteht?
Rückzugsorte, Refugien, eine zarte Haut, die die Durchlässigkeit aufweist und doch den Blick vernebelt. Rückzugsorte für den Geist, für die Seele, für alles persönlich Kostbare.
Ich erinnere gerne an die Ausstellung „Wie verpacke ich was mir heilig ist“, die wir 2014 hier in diesem Raum zeigen durften. Es war ein Wettbewerb, den der Dombauverein St. Patrokli ausgeschrieben hatte, mit Blick auf die Reliquien des Patrons der Kirche. Auch hier war es ein heller, fast weißer, schwebender Körper, verschlossen, einem Kobel gleich, undurchdringlich für das Auge des Betrachters, der die Jury für den ersten Preis begeistern konnte.
BBB Cotonagen sind Rückzugsorte auch mit der Möglichkeit der Interaktion, des Miteinander, vielleicht auch nur flüchtigen, durch die angelegten Öffnungen.
Sie alle tragen die Farbe Weiß, als die Farbe, die alle Farben in sich vereinigt, denkt man an ein Prisma, das ohne Licht ein fein geschliffenes, klares Glas ist und mit dem Einfall des Sonnenlichtes alle Farben preisgibt. Es ist nicht so, als hätte die Künstlerin es nicht mit anderen Farben ausprobiert, erforscht, wie deren Wirkung im Raum ist. Zwei kleine schwarze Cotonagefragmente blitzen aus der Vielfalt der Stofflichkeit in der Vitrine hervor. Gut platziert, aber eindeutig: Das Weiß der Cotonagen, der Stofflichkeiten sorgt für Klarheit und Stille. Leicht schweben die Körper unterschiedlichster Formen im Raum, weiße Skulpturen, eine wie die andere, klein, zart, verwehend, große fast die Körpergröße der Künstlerin einnehmend, von einem dünnen, unsichtbaren Faden an der Decke gehalten. Sie ruhen in sich, schwerelos – und dann veranlasst ein Luftzug, ein Durchschreiten der Binnenräume, dass die von den menschlichen Körpern erzeugte laminar aufsteigende warme Luft, sie in Bewegung versetzen, sie sich um sich selbst drehen, den Schwerpunkt des eigenen Gewichtes finden, ohne zu pendeln.
In der Vorbereitung der Ausstellung ist für BBB die Planung der Installation der vorgegebene Raum entscheidend. Stets reagiert die Künstlerin auf den Raum, entwickelt eine auf ihn ausgerichtete Installation und lässt Licht und Schatten in Aktion treten.
Geteilter Raum – der Titel der Ausstellung weist genau darauf hin – ein langgestreckter, dem Eingang quer vorgelagerter Raum mit einem rechten und einem linken Raumsegment. Geteilter raum auch als Raum zwischen den Skulpturen zu verstehen; die man durchwandern darf – nicht mit den Händen berühren, was sich von selbst versteht – aber mit dem eigenen Körper einen Luftzug entstehen lässt, auf den die schwebenden Formen so reagieren, dass der Raum sich weitet oder verringert.
Und noch etwas: Vielleicht haben Sie es schon vernommen, vielleicht hat es Sie auch irritiert: Neben der Stille hört man ein feines Geräusch, sich verändernd bis hin zu einem Plätschern, plätscherndes Wasser? – Es sind die Geräusche, die beim Arbeitsprozess zur Erstellung der Cotonagen entstehen. Vom feinen Führen und Biegen der dünnen Drähte zu den gewünschten Formen, vom Reißen in der Herstellung des Stoffes, von der Herstellung der Vielschichtigkeit usw.. Letzteres ist besonders schön zu sehen an der quer herunterhängenden Cotonage, die wie eine zweite Haut ein zartes Federkleid zu tragen scheint. Einzelne Federn stellen sich auf, scheinen den Körper sanft zu umhüllen.
Zwei Lichtkunstobjekte verweisen auf die Wichtigkeit der Berührung mit Licht: das größere befindet sich in der Eingangshalle und leuchtet nach Schließung des Museums abends noch zwei weitere Stunden in die Nacht. Das kleinere steht mir zur linken. Beide Cotonagen, von einem Motor angetrieben, geraten in eine kreisende Bewegung, der Lichtstrahl erfasst somit ständig eine neue Facette der unruhigen Oberfläche. Und die unklaren Scheiben, mit regelmäßigen, senkrecht verlaufenden Rillen streuen ein diffus erscheinendes Licht, spielen mit den wechselnden Schatten.
„Farbe bekennen“ titelt das neue Büchlein der Kunsthistorikerin Kia Vahland. „Farbe bekennen – Alte Bilder, neue Zeiten“. Bezugnehmend auf die Bilderwelt uns vorangegangener Zeiten, auf einen tiefen Humanismus, der die Werke dieser in verschiedenen Ländern und Epochen geborenen Künstlerinnen und Künstler verbindet, betrachtet sie die Werke neu. Sie stellt ihnen unsere Fragestellungen zu den so unruhigen, beunruhigenden Zwanzigerjahren des 21. Jahrhunderts, der Jahre der Krisen und des Wandels und verweist darauf, dass sie damals wie heute nichts an Aktualität eingebüßt haben.
„Farbe bekennen“ kann man auch in der Betrachtung der so vielfältigen Cotonagen von BBB sagen. Sie bekennt sich zum Weiß ihrer Cotonagen, die nur so ihre Wirkung entfalten, die Betrachtenden einbeziehen und die Leichtigkeit greifbar machen. Sie lassen durch das Spiel mit Licht und Schatten, sogar als direkter Schatten auf die Wand projiziert, den Betrachtenden die Möglichkeit immer wieder Neues zu entdecken, sich in Gedanken einzuspinnen, vorübergehend Teil zu werden, sich zurückzuziehen in einen imaginären, möglichen sicheren Ort. Die Fragilität der Arbeiten, das Hinterfragen der so genannten sicheren Orte, der Blick auf die Welt und ihre Bedrohungen jeglicher Art, lassen die Installation von BBB auch als politisches Statement betrachten.
Anette Werntze
Prof. Dr. Erich Franz
Text zur Ausstellung „Die Durchlässigkeit der Dinge“,
Kunstverein Lippstadt 2019
Sind es Skulpturen, die Bettina Briesenick Becker ausstellt? Man sieht Körper, die oft in länglicher Form ein leeres Inneres umhüllen, ähnlich wie bei einem Kokon, in dem sich eine Raupe eingesponnen hat, um sich in einen Schmetterling zu verwandeln. Die Gebilde haben also ein plastisches Volumen, oft ungefähr in der Größe eines menschlichen Körpers, aber sie haben kein Gesicht, sie schweben! Sie sind extrem leicht und werden von fast unsichtbaren Nylonfäden im Raum gehalten. Ihre weiße Außenhaut schließt sie nicht ab, sondern bewegt sich in farbigen Wellen um ihr leeres Inneres herum. Überall verdünnt sich die Haut und reißt auf, so dass man ins Innere blicken kann. Auch das Licht durchdringt die Körper. An ihren verschatteten Partien scheint von innen her ein sanftes Licht zu schimmern. Nach außen wölben sich wellenförmige Verdichtungen vor, in rundlichen Ausbuchtung oder auch in fast linearen Verläufen, die manchmal spitz in den Raum ragen wie Spritzer oder einzelne Federn. Die weißen Umhüllungen bilden keine Grenze, sie bewegen sich wie lockere Pinselstriche, die in räumlichen Biegungen- ohne Untergrund und auch ohne Farbe -ineinander fließen und sich voneinander lösen.
Bettina Briesenick Becker bezeichnet ihr Material als „Cotonage“. Sie bildet den Modellierstoff aus Baumwollfäden und halb flüssiger Masse. Sie kann damit modellieren, ohne den offenen Raum auszuschließen. Der reale Raum und das reale Licht fließen durch die Gebilde hindurch. Die „Skulpturen“ lösen sich als Körper auf und werden zu Bestandteilen des Raumes. Sie ergeben keine „Installation“, die aus eingefügten Objekten besteht, sondern sie bringen – so könnte man vielleicht sagen – die Wahrnehmung des Raumes zum Schwingen. Die durchlässigen Gebildet bringen auch die Ausdehnungen und Winkel des Raumes ins Bewusstsein, seine Lichtverhältnisse und seine Atmosphäre. Die Gebilde sind ja nicht weiß, sie sind sanft durchzogen von den aktuellen Farben des Raumes, in dem wir stehen.
Wir schweifen also mit unserem Bewusstsein von einem Gebilde zum anderen, wandern an ihnen entlang und nisten uns vorübergehend in ihnen ein. Bettina Briesenick-Becker nennt sie „sichere Orte“. Vielleicht erscheinen sie ein wenig sicherer als ihre Umgebung. Die Gebilde schwanken und drehen sich langsam im Luftzug, schweben höher oder niedriger, drängen sich dort etwas mehr zusammen und treten hier auseinander, um den Raum zwischen ihnen noch mehr hereinzulassen. Das Licht, das nie statisch ist, nimmt Anteil an diesem ebenso verschwiegenen die vielsagenden Theater. Ein Theater, dass sich in der Sensibilität des Betrachtenden auf unterschiedliche Weise ereignet.
Bettina Briesenick-Becker „malt“ nicht nur mit „weißen“ faserigen Verläufen, die sich um eine Leere runden. Sie „zeichnet“ auch im offenen Raum mit wirbelnden „weißen“ Linien, deren lockeres Geflecht sich dehnt oder zusammenballt oder durch den Raum zieht.
Dieses Sich-Auflösen, diese Selbstzurücknahme, diese Durchlässigkeit: wie passt das in unsere Realität? Als Gegenfrage könnte man stellen: Wie passt Abgeschlossenheit in unsere Welt, ein Trennen zwischen Innen und Außen? Atmen wir Menschen nicht? Leben wir nicht im ständigen Austausch mit unserer Umwelt? Erfahren und verstehen wir den anderen, die Natur, das Geschehen um uns herum nicht vor allem durch Anteilnahme? Die Glaubhaftigkeit dieser Werke entsteht aus ihrer Ambiguität, aus ihrer ebenso sensiblen wie unausweichlichen Zusammenführung von Innen und Außen. Klare Grenzen würden klare Unterscheidung ergeben – oft allzu klare: dies gehört dazu, jenes nicht. „Bettina Briesenick Becker – die Durchlässigkeit der Dinge“ ist daher auch eine sehr politische Ausstellung“.
Erich Franz
Rebekka Schulte
Der Abfall, die Schatten, das Dazwischen und das Anderswo
zur Ausstellung „anderswo“ 2017
Weiße Bahnen und ebenso Leiber auf einem Ständer. Es scheint als habe man sich ihrer entledigt, über den Haufen geworfen. Stumm berichtend steht er da in allen Varianten von Weiß, in der Verdichtung der Schichten, ein Ständer voller Lappen und Fetzen, eindrucksvoll und erzählt von dem, was gewesen ist. Wenngleich eine farbliche Nähe besteht, setzt sich die erworbene Skulptur sensibel genau in ihrer Struktur von der Architektur des Raumes ab.
Roland Barthes (2015) schreibt, dass das Wesen einer Hose sicherlich nicht in dem gestärkten und geradlinigen Gegenstand auf den Kleiderbügeln in den Kaufhäusern zu suchen ist, sondern in dem Knäuel, was achtlos aus der Hand geworfen wird, wenn man sich erschöpft, träge und nachlässig entkleidet. Das Wesen eines Gegenstandes hat etwas mit seinem Abfall zu tun. Und so entspinnen sich die Wahrheiten und Geschichten aus dem, was übrig bleibt. Aus dem Gewirr und dem vagen Ahnen und Andeuten in ihren Haufen am Boden, über dem Ständer, in der Ecke. Und weiter mit Roland Barthes: „Nun schließt das Vage paradoxerweise alle Rätselhaftigkeit aus; das Vage passt nicht zum Tod; das Vage ist lebendig.“
Weiße Gewänder hängen in der Flucht. Verändern den Blick. Bestimmen den Gang. Strecken sich entgegen, bieten sich an. Je nach Standpunkt, eine anderes Sehen. Der Raum löst sich auf. Grenzen verschwimmen. Je nach Licht eine andere Wirkung. Mit der Zeit eine Veränderung im Material, es ist nicht abzuwenden. Dieser Prozess. Schattenwürfe, die den Raum erweitern, als Verweis auf den Dualismus des Lebens. Dazwischen das Sein, was sich entspinnt in nicht enden wollender facettenreicher Weiß- und Graufarbigkeit.
Bettina Briesenick-Becker arbeitet am Thema der Gleichzeitigkeit vom Feinen und Groben, von der Leichtigkeit und der Schwere, von Vergänglichkeit und dem was bleibt.
Hast du das gesehen? Hast du dich bewegt? Nichts ist sicher. Nichts bleibt wie es ist. Soviel ist schmerzhaft gewiss. Es dreht und wendet sich das Blatt. In einem Moment die Wahrnehmung eines Kleides: Haute Couture, eine Wahrnehmung, die sich im nächsten Moment bricht und sperrig zeigt. Da meint man das Rückgrat bricht.
Oder Adorno zufolge sei ein Kunstwerk nicht von der Ästhetik als hermeneutische Objekte zu begreifen; zu begreifen wäre, […], ihre Unbegreiflichkeit. […] Dies mache die ästhetische Erfahrung vom Objekt her aus, in dem Augenblick, in dem die Kunstwerke unter dem Blick des Betrachters lebendig werden. (vgl. Adorno 1973)
Als wäre es möglich sich seiner Leiblichkeit zu entledigen sind dort welche, wie in einer Art Kaue, unter die Decke gezogen worden. Zur Höhe hin, tänzelnd leicht und doch dramatisch, fast schmerzhaft. Nach einem harten Tag Arbeit, vielleicht. Ich spinne!
Als wäre es möglich, sich seine erste Haut abzustreifen, in der man steckt. Die zweite ist die Kleidung, das hatten wir eben noch. So hängen sie da, diese Leiber, leibhaftig; in dieser Flucht des Flures und streben nach oben und zur Seite, oder weg. Wo ist weg? Formen und Figuren, die in ihrer Hülle eine Fülle erahnen lassen, denn das dazwischen wird zum Thema. Die Lücke. Alles was wir sehen ist ein Verweis auf das, was wir nicht sehen.
Das Werk ist begehbar, ich kann mich ihm nähern und mir mittendrin das Dazwischen erschließen. Und dann entschwinden sie empor, in ein anderswo. Anderswo ist ganz klar überall dort, wo ich nicht bin. Ganz klar. Anderswo. Wo ist woanders? Das ist nicht wichtig.
Es geht also um das Dazwischen; um das, was wäre gewesen, um das Daneben, um das Ahnen und das Vage. Diese Zwischenräume. Transit. Wo etwas endet und noch nichts neues begonnen hat. Das Zweifeln und nicht wissen. Das zaudern und Hadern. Dem Wünschen und dem Sehnen und nie loslassen und enden wollen. Die Liebe und die Sehnsucht als treibender Motor. Romantik, nicht wahr?!
Niemand kann dieses dazwischen konkret benennen und doch wissen alle, dass es genau dies ist, was das Leben bestimmt, klar, oder? Man sagt, man habe etwas hinein verlegt, wenn von der Projektion gesprochen wird. Manchmal wiegt die Erinnerung bleischwer und scheint doch zu verblassen. Gespenstisch zeigt es sich im Raume. Anwesend ohne Anwesenheit. Die Erinnerung ist subjektiv und verändert sich, im Laufe der Jahre.
So ist es mit der Erinnerung. Und ist die Dauer der Aufbewahrung und des Sammelns nicht ein Verweis auf die Bedeutung und die Wertschätzung einer jener Begegnung?
Und so fädelt Bettina Briesenick-Becker die Erinnerungen aus dem perfekten Abfall, diesen Zufallstropfen, auf. Transformiert sie im Raum und spinnt Geschichte alt und neu, ein paar Tropfen, wie Tränen, bleiben hängen. Romantisch, nicht wahr? Wenn das Gesehnte doch Erfüllung bekommen würde, so wäre es: tot. Aber, dass es nie so kam, dass alles endlich ist, eine Ent-Täuschung. So leicht kommt es eben doch nicht daher, so weiß und rein.
Und als wir so sprachen über die Liebe, das Sehnen und die Kunst kamen wir auf:
Eine verliebte Ballade für ein Mädchen namens Yssabeau
von
François Villon 1431-1464 , aus: „Die lasterhaften Balladen des François Villon“
in einer Nachdichtung von Paul Zech
Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund,
ich schrie mir schon die Lungen wund
nach deinem weißen Leib, du Weib.
Im Klee, da hat der Mai ein Bett gemacht,
da blüht ein schöner Zeitvertreib
mit deinem Leib die lange Nacht.
Da will ich sein im tiefen Tal.
Dein Nachtgebet und auch dein Sterngemahl.
[…]
Im Wintertal, im schwarzen Beerenkraut,
da hat der Schnee sein Nest gebaut
und fragt nicht, wo die Liebe sei,
Und habe doch das rote Tier so tief
erfahren, als ich bei dir schlief.
Wär nur der Winter erst vorbei
und wieder grün der Wiesengrund!
…ich bin so wild nach deinem Erdbeermund!
Und dann ganz untröstlich begegnen wir der eigenen Kreatur! Begegnen ihr von Angesicht zu Angesicht. Tröstlich.
Und Bettina sagt: Wir sehen uns selbst gerne fein, gut, transparent. Das Andere, das Fremde in mir, erscheint uns dunkel, wild und grob.
Rebekka Schulte